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Nr. 2 – 2021 Wenn ich einmal pensioniert bin ...

Nr. 2 – 2021 Wenn ich einmal pensioniert bin ...

Georges-Simon Ulrich

Direktor Bundesamt für Statistik

Als Statistiker kann ich davon ausgehen, dass ich mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 82 Jahren noch einige Jahre vor mir habe. Schaue ich mir aber die Entwicklung der Lebenserwartung an, so haben Männer mit Geburtsjahr 2017 eine gute Aussicht, im Durchschnitt deutlich über 90 Jahre alt zu werden. «Nicht ganz gerecht», geht mir durch den Kopf, denn das sind um die zehn Prozent mehr Lebenserwartung als ich – statistisch gesehen – selber erwarten darf. Gleichzeitig weiss ich, dass eine vierprozentige Chance besteht, zu denjenigen zu gehören, die 100 Jahre oder älter werden. «Nicht gerade viel», geht mir aber da schon wieder durch den Kopf. 

Statistische Grössen wie die Lebenserwartung sind sinnvoll, wenn es beispielsweise um die Berechnungen von Pensionskassen geht. Die Statistik erzählt die Geschichte eines Landes und einer ganzen Bevölkerung. Für mich und uns alle geht es aber um die eigene Geschichte, um das Leben und nicht um den Zeitpunkt des Todes. 

Wie alt werde ich? Was bringt die Zukunft? Solche Fragen zu stellen heisst, sie zu beantworten. Die umso wichtigere Frage ist für mich, ob ich nach meiner Pensionierung zufrieden und glücklich sein werde und was ich dafür tun kann. Auch wenn «glücklich sein» schwer zu definieren ist, hat Glück vor allem mit sich selbst zu tun. Wir können nicht darauf hoffen, aufgrund genetischer Veranlagung glücklich zu sein oder gar, dass jemand anderes – eine Person oder der Staat – für das eigene Glück sorgen kann. 

Die Statistik kann die subjektive Sicht erfassen, ob Menschen angeben, sich glücklich zu fühlen. Und sie zeigt, dass es – zumindest in der Schweiz – für die meisten nicht die finanziellen Sorgen sind, die das «Glücklichsein» trüben. Zudem werden die Pensionierten auch gesundheitlich immer fitter. Was die Statistik aber nicht zeigen kann, ist, was man selber zum ganz persönlichen Glück beitragen kann. Die grösste Gefahr ist, die Neugier zu verlieren, einsam zu werden oder den Sinn nicht mehr zu sehen. Auch wenn wir nicht wissen, wie die Zukunft wird, können wir doch eine Vorstellung darüber haben, wie wir dieses «Glücklichsein» erreichen wollen. Das wiederum hat weniger mit der Zeit zu tun, die uns nach der Pensionierung bleibt, sondern damit, wie wir als Person mit dem «Jetzt» umgehen. 

Die zentralen Fragen für mich sind: Werde ich fit genug sein, um mich immer wieder ein Stück neu zu erfinden? Nutze ich die Erfahrung und das Erlebte, um daraus zu lernen? Investiere ich genug in mich selbst, und dies in Minne mit meinem Umfeld? Dabei die Balance zu finden,  wird sicherlich nicht einfach: nicht zu viel Energie zu investieren in Dinge, die ich nicht ändern kann und mich dafür dem zu widmen, was ich beeinflussen kann. Der Historiker Herbert Lüthy hat vor 50 Jahren dazu aufgefordert, «die Geschichte als einen Prozess zu sehen, in dem wir selbst stehen und an dessen Weitergestaltung wir mitwirken». Frei interpretiert, soll das auch für meine eigene Geschichte gelten, sowohl vor als auch nach der Pensionierung. Es liegt an mir, die Verantwortung zu übernehmen, pragmatisch mit meiner eigenen Situation umzugehen.

Wenn ich einmal pensioniert bin… werde ich – wie übrigens heute auch schon – versuchen, Herausforderungen als Chancen und als Lerngeschenke zu sehen. Ich werde mir nicht die Frage nach verbleibenden Jahren stellen, sondern nach dem Motto leben, «Wo könnte ich meine Nase noch hineinstecken?» Wer keine Zukunft mehr zu haben glaubt, ist wohl dankbar für eine spannende Vergangenheit. Wer eine Zukunft vor Augen hat, wird in der Vergangenheit eine dankbare Beraterin wissen. Daran arbeiten wir im Grunde jeden Tag unseres Lebens, auch jetzt gerade: ich beim Schreiben und Sie beim Lesen dieses Artikels – statistisch gesehen hoffentlich eine gute Investition. 

Pensionskasse des Bundes
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